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Wahnsinn aus Heimweh

 

Extra   Fotos monsun theater

1910: Amerika-Rückwanderer in der Anstalt Friedrichsberg. Eine Dokufiktion.
   

„Gebt mir Eure Müden, Eure Armen, Eure geknechteten Massen“ – so lautet seit 1886 der Ruf der amerikanischen Freiheitsstatue in die Welt. Als ihm auch zwischen 1900 und 1914 tausende Auswanderer folgen, kommt allerdings nicht jeder an ihr vorbei. Die Beamten der Immigrationsbehörde verhindern an der US-amerikanischen Grenze die Einreise hunderter Glückssuchender oder weisen sie nachträglich aus; einige von ihnen mit der Begründung, „geisteskrank“ zu sein. Laut damaligem Einwanderungsgesetz dürfen u.a. „idiots, imbeciles, feeble-minded persons, epileptics, und “people with two or more attacks of insanity“ die USA nicht betreten – egal ob ihnen zu Recht oder Unrecht eine geistige Krankheit unterstellt wird. Die Schifffahrtsgesellschaften bringen diese Abgewiesenen zurück in ihre Heimatländer – und der Weg führt sie zunächst nach Hamburg, in die – damals noch sogenannte – Irrenanstalt Friedrichsberg.
Die Schicksale der „geisteskranken Rückwanderer“ – wie sie in den Akten genannt werden – sind vielfältig und wurden durch die Friedrichsberger Ärzte in den Krankenakten festgehalten. Diese lagern noch heute im Archiv des Universitätsklinikums Hamburg. Basierend auf den Dokumenten hat sich ein Team von Theaterschaffenden an eine dokufiktionale und vielstimmige Inszenierung im Medizinhistorischen Museum Hamburg gemacht. Kunst, Geschichte und Wissenschaft gehen Hand in Hand, um in diesem Konvolut aus Migrations-, Psychiatrie- und Stadtgeschichte von Schicksalen besonderer Dimension zu erzählen – von denen, für die Hamburg kein Tor zur Welt war, sondern ein Warteraum auf dem Weg zurück in eine Heimat, die sie nicht mehr wollte.

Gefördert durch den Elbkulturfonds und durch die Claussen-Simon-Stiftung. In Kooperation mit dem Medizinhistorischen Museum Hamburg und dem monsun.theater.
Supported by Probebühne im Gängeviertel. Ermöglicht durch die Wiederaufnahme- und Gastspielförderung des Dachverbands freie darstellende Künste Hamburg, im Auftrag der Freien und Hansestadt Hamburg, Behörde für Kultur und Medien.

Vorstellungen im Medizinhistorischen Museum Hamburg
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) Martinistraße 52

Sie finden das Museum am Seiteneingang (Frickestraße) sowie über die Hauptzugänge zum UKE. Bitte beachten Sie die Einschränkungen aufgrund von Bauarbeiten , siehe Lageplan Museum
Der Zugang über die Frickestraße/Schedestraße ist gegenwärtig leider nicht barrierefrei.

 

Spiel
Pablo Konrad
Paul-Louis Lelièvre
Benjamin-Lew Klon
Meryem Öz
Milena Straube
Lisa Ursula Tschanz

Text & Recherche
Anne Rietschel

Kostüm
Louise Tresvaux du Fraval

Raum
Ute Radler

Puppen
Cora Sachs

Produktionsleitung
Anne Rietschel
in Kooperation mit dem monsun.theater

Sound
Nourdin Ghanem

Licht
Sabrina Münzberg

Presse
Ulrike Steffel

Grafik
Kevin Visdeloup

Wissenschaftliche Beratung
Dr. Stefan Wulf

Regie
Cora Sachs
Anton Krause

Samstag
|
23.11.2019
|
20:00 Uhr
 
ausverkauft  
Sonntag
|
24.11.2019
|
18:30 Uhr
 
   
Dienstag
|
26.11.2019
|
20:00 Uhr
 
   
       
       
VVK · AK 20,00 € І 15,00 €
       
     

Pressestimmen:

Hamburger Abendblatt, Falk Schreiber, 04.12.2018

„Wahnsinn aus Heimweh“ – Theater im Sektionssaal | Das starke Auswandererstück von Anne Rietschel hatte an einem ungewöhnlichen Ort Premiere.

Hamburg.  Zum Beispiel Adele. Adele (Lisa Tschanz) wird von ihrer Vergangenheit verfolgt. Schon in ihrer Schweizer Heimat war sie in einer Anstalt untergebracht, anscheinend hat sie Schlimmes erlebt, und auch in Amerika wird sie die Erinnerungen nicht los. Oder Joseph (Benjamin Lew-Klon), der bei der Einreise in die USA von seiner Familie getrennt wurde und versuchte, schwimmend ans Festland zu gelangen. Oder Carl (Milena Straube), der sich schon in Europa von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob, von Gaunerei zu Gaunerei durchgeschlagen hatte, eine kleinkriminelle Karriere, die er auch in der Neuen Welt verfolgte.
Alle wurden vom Versprechen der Freiheitsstatue „Gebt miR eure Müden, eure Armen, eure geknechteten Massen“ zur Auswanderung motiviert. Und mussten feststellen, dass sie nicht mit offenen Armen aufgenommen wurden – ab 1907 verschärften die USA ihre Einreisebestimmungen, insbesondere „Geisteskranke“ wurden sofort abgewiesen. Wobei Geisteskrankheit recht weit gefasst wurde: Kriminelle zählten ebenso dazu wie Prostituierte, Homosexuelle, andere Außenseiter. Viele landeten darauf in Hamburg, in der ehemaligen Klinik Friedrichsberg.

Krankenakten der Rückkehrer dienten als Grundlage
Die Theatermacherin Anne Rietschel hat aus den vorhandenen Krankenakten der Rückkehrer das dokumentarische Stück „Wahnsinn aus Heimweh“ destilliert, passend aufgeführt in einem alten Sektionssaal des Medizinhistorischen Museums. Zunächst als Ausstellung: Das Publikum wandert durch den Raum, bekommt den historischen Kontext über Schautafeln erklärt und betrachtet Artefakte in staubigen Vitrinen. Ein Fernglas, ein Mittel gegen Seekrankheit, eine lebensgroße Puppe sitzt vor einem Berg Kartoffeln, die Tafel informiert, dass Kartoffelschälen eine häufige Beschäftigung in der Anstalt gewesen sei. Aha.

Doch plötzlich ändert sich die bislang leidlich informative Stimmung: Ein an den realen Friedrichsberg-Arzt Wilhelm Weygandt angelehnter Wissenschaftler (Pablo Konrad y Ruopp) erläutert das Vorgehen um die Jahrhundertwende, und währenddessen erwachen die Puppen zum Leben. Und erzählen ihre Geschichten. Schnell wird klar, dass das größte Problem dieser Menschen die Kommunikation ist: 85 Prozent der Rückkehrer sprachen kein Deutsch, und wer halbwegs auf Zack war, konnte als (wenig vertrauenswürdiger) Übersetzer die Situation ausnutzen. Diese Menschen wurden irre daran, dass sie in einer Situation gelandet waren, die sie nicht verstanden und in der sie sich nicht mitteilen konnten.

Die Schauspieler stecken in lebensgroßen Puppen
Rietschel hat mit „Bye Bye Hamburg“ vor fünf Jahren am Thalia schon einmal ein Stück entwickelt, das die Auswanderung nach Amerika thematisierte. „Wahnsinn aus Heimweh“ behandelt als Gegenstück das Scheitern dieser Hoffnung, das in der erzwungenen Rückkehr liegt. Anders als „Bye Bye Hamburg“ illustriert der Abend die geschilderten Biografien aber nicht: Cora Sachs hat die Schauspieler in lebensgroße Puppen gesteckt, man sieht also Modelle, Larven, die Geschichten beispielhaft exekutieren. Die Geschichte eines rigorosen Einwanderungsregimes, die Geschichte einer Gesellschaft, die nur noch Gruppen sieht und keine Menschen mehr. Das macht den formal wie inhaltlich starken, vom Regieduo Sachs und Anton Kurt Krause inszenierten Theaterabend „Wahnsinn aus Heimweh“ zu mehr als nur einer interessanten Geschichtsstunde – es nimmt einen Aspekt der Migration in den Blick, der sich auch leicht auf die aktuelle Diskussion übertragen ließe.