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Das Hirn ist ein Taubenschlag

 

Schauspiel Fotos monsun theater

Von Dita Zipfel & Finn-Ole Heinrich
   

“We are all fragmented. There is no unitary self. We are all in pieces, struggling to create the illusion of a coherent ‘me’ from moment to moment.” – Fernyhough    

Adalbert Immenstein – oder: Dr. Immenstein, wie Immenstein sich selber nennt – muss dringend lüften.
Aufräumen. Aussortieren. Er muss das Oberstübchen entrümpeln, das er seit zweiundsechzigeinhalb Jahren vollmüllt, wie seine liebe Schwester es nennt, die alte Kuh. Hat ihm den ganzen Ärger eingebrockt, ihn bloßgestellt und angeklagt, unmöglich gemacht in der Gemeinschaft. Und das, wo er es war, der sich gekümmert hat. Aber so ist die Welt, undankbar. Während die liebe Schwester draußen in der Welt ihr verlottertes Hühnerleben tanzte, hat er die verehrte Frau Mutter gepflegt, ihren alten Körper auf Klo getragen und gewaschen. Jeden Tag seines Lebens mit ihr verbracht. Jetzt ist es vorbei und Immenstein sortiert und holt aus. Die können sich auf was gefasst machen. 

Eine Eigenproduktion des monsun.theaters gefördert durch die Behörde für Kultur und Medien Hamburg.

 

Foto
G2 Baraniak

Text
Dita Zipfel
Finn-Ole Heinrich

Spiel
Pablo Konrad

Bühne & Raum & Licht
Kathrine Altaparmakov
Marion Schindler

Komposition & Musik
Hannes Wittmer
Clara Jochum

Video
Mara Wild

Technik
Ole Schmetzer
Griogorii Popov

Figuren & Kostüm
& Regie

Cora Sachs

Mittwoch
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20.03.2019
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20:00 Uhr
 
Uraufführung
ausverkauft
 
Donnerstag
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21.03.2019
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20:00 Uhr
 
   
Freitag
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22.03.2019
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20:00 Uhr
 
   
Samstag
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23.03.2019
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20:00 Uhr
 
   
Mittwoch
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18.09.2019
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20:00 Uhr
 
   
Donnerstag
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19.09.2019
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20:00 Uhr
 
   
Freitag
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20.09.2019
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20:00 Uhr
 
   
       
       
VVK 15,90 € І 13,40 € · AK 16,50 € І 14,00 €
       
     

Pressestimmen:

Hamburg Theater, Birgit Schmalmack, 27.03.2019

Gegen die Vergänglichkeit

Dr. Immenstein weiß um die Vergänglichkeit, um das stetig Fortschreiten der Zeit. Der Mensch ist nur ein Baustein dieser Evolution. Jeder einzelne nur ein Fliegenschiss der Geschichte. Dr. Immenstein will die Zeit außer Kraft setzen. Dazu präpariert er seine toten Tauben zu ewiger Gegenwart. Wohl wissend um die Vergeblichkeit seiner Versuche die Zeit anzuhalten, zieht er sich immer weiter aus dem Leben zurück. Er mauert sich ein in seine kleine abgeschlossene Welt ein. Die demente Mutter, die er bis zum Schluss pflegte, diente ihm auch als Schutzschild gegen die da draußen. Wenn ihm die Dimensionen des Universums bewusst werden, kringelt er sich in einer Ecke der schrägen Holzebene wie ein Embryo ein. Auf sie kann er sich seine Taubengefährten und seine Universumsbilder projizieren. 
Immenstein versucht sich einzureden, dass ihm auch seine Forschung zu Ewigkeit verhelfen könnte. Woran er forscht, bleibt jedoch bis zum Schuss unklar. Auch nur eine lieb gewordenen Illusion. Nach dem Tod der Mutter muss er sich der großen Leere stellen und ist völlig überfordert damit.
Umso dringlicher werden seine zum Scheitern verurteilten Versuche der Konservierung. Er will sich selbst ein Denkmal setzen. Doch in seiner Abneigung seiner schnöden Zeitgenossen vergisst er das Wesentliche: Erst die Interaktion und Kommunikation mit seinen Mitmenschen macht den Homo sapiens aus. Sonst mutiert er zum Tier. Das zeigt die Regisseurin Cora Sachs in ihrer Inszenierung von Dita Zipfels und Finn-Ole Heinrichs Text "Das Hirn ist ein Taubenschlag" sehr deutlich. Dr. Immenstein ist seinen tierischen Forschungsobjekten im Laufe der Zeit immer ähnlicher geworden. Während sein Maskenkopf der eines alten Mannes mit vielen Falten und wenig Haaren ist, ähnelt sein Leib dem einer Ratte. Seine Füße und Hände haben riesige Nägel. Sein Gang erinnert an den eines Affen. Er läuft, hüpft und rutscht über die schräge Ebene, in der er sich eingerichtet hat. 
Eine wunderbar tief schürfende Arbeit von Cora Sachs, die nicht zuletzt durch das eindrucksvolle Verkörperung des alten Mannes durch Pablo Konrad, das einfach geniale Bühnenbild von Kathrine Altaparmakov und Marion Schindler und die stimmungsvoll sphärische Musik von Hannes Wittmer und Clara Jochum zu einem Gesamtkunstwerk wurde.


Hamburger Abendblatt, Falk Schreiber, 22.03.2019

Beunruhigender Wutbürger im monsun.theater

Der preisgekrönte Finn-Ole Heinrich hat den Text für „Das Hirn ist ein Taubenschlag" geschrieben.
Dr. Immenstein ist ein unangenehmer Zeitgenosse. Egoman, menschenfeindlich, verlottert. Natürlich sind alle anderen schuld an seiner desolaten Situation, insbesondere seine Halbschwester. Immerhin, die Mutter pflegte er liebevoll bis zum Tod, obwohl, man weiß nicht… Mit den Tauben, die die ärmliche Wohnung bevölkern, geht er nach erster Zuneigung jedenfalls recht brutal um: Man will doch sehen, was sich in so einer Hirnschale befindet.
Pablo Konrad spielt diesen Immenstein im Monolog "Das Hirn ist ein Taubenschlag" als Mischung aus Maulwurf, Gartenzwerg und Wutbürger. Ständig vor sich hinschimpfend tigert er über die Bühne des Altonaer Monsun Theaters, mal formuliert er Einsprüche gegen den Räumungsbescheid (unerlaubte Haustierhaltung, unzumutbarer Geruch, umherfliegende Federn), mal füllt er den Anrufbeantworter der Halbschwester mit Vorwürfen, in einem Aufwallen von Bösartigkeit mauert er der Nachbarin die Wohnungstür zu, weil die gute Frau sich nicht dankbar zeigt, obwohl er ihr doch einst mit etwas Milch ausgeholfen habe. Hin und wieder hat man den Eindruck, die Figur sei Argumenten zugänglich, womöglich fähig zur Selbstkritik. Doch dann kommt der nächste Anfall akuter Rechthaberitis. Ein Bild des Jammers. Aber ein gefährliches.
Der Text von Finn-Ole Heinrich und Dita Zipfel ist eine klug gebaute, herzensböse Suada. Die allerdings nicht über 90 Minuten trägt: Dass der Protagonist ein ausgemachter Unsympath ist, versteht man ziemlich schnell, und Identifikation wird sich in der Folge nicht herstellen. Weswegen Uraufführungsregisseurin Cora Sachs die Handlung konsequent ins Künstliche verlagert: Der Protagonist verschwindet hinter einer verwachsenen Maske and in einem unförmigen Kostüm, was ihn zwar jeder Mimik beraubt, der Vorstellung, man habe es hier mit einer irgendwie realistischen Figur zu tun, aber ebenfalls eine Absage erteilt. Gespielt wird auf einer schiefen Fläche im steilen Zuschauerraum (während die Bühnenbildnerinnen Kathrin Altaparmakov und Marion Schindler das Publikum auf der Bühneplatziert haben), die gleichzeitig Bit Visualisierungen von Immensteins wirren Weltformel-Theorien dienen. Und Clara Jochum und Hannes Wittmer kommentieren das Geschehen mit sphärischen Gitarren-Cello-Klängen.
Sachs, die sich in der freien Szene konsequent als Spezialistin für Stücke zwischen Figurentheater und Schauspiel empfiehlt, hat mit „Das Hirn ist ein Taubenschlag” eine starke Arbeit abgeliefert, böse, ästhetisch eigenständig, handwerklich sicher. Und wenn man Immenstein als querulantischen Rechthaber mit unterdrückter Aggression wörtlich nimmt, dass ist der Abend nicht zuletzt ein beunruhigender Kommentar zu den politischen Verwerfungen der Gegenwart.