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Anastasia,
wann bekommst du deine Juwelen zurück?

 

Schauspiel Fotos monsun theater

Eine pseudologische Auferstehungsgeschichte
   

„Es ist dem Gericht unmöglich, seine Entscheidung in Kürze zu begründen. Eine auch nur annähernd vollständige Begründung füllt ein Buch.“
(Urteilsverkündung zum Fall Anna A. am Hanseatischen Oberlandesgericht Hamburg)

Wiederauferstehungsmythos, Verschwörungstheorie, Kaspar-Hauser-Geschichte: Als 1920 ein „Fräulein Unbekannt“ aus dem Berliner Landwehrkanal gezogen und in die Psychiatrie eingeliefert wird, ahnt niemand, welche spektakuläre Wendung der missglückte Selbstmordversuch nehmen wird. Bald behauptet die Unbekannte, sie sei die letzte Überlebende des Massakers an der Zarenfamilie Romanow: die Großfürstin Anastasia. Anna Anderson, wie sie sich später nennt, wird die Rolle der verkannten Zarentochter bis zum Ende ihres Lebens spielen. Jahrzehntelang beschäftigt sie sich mit Psychiatrie, Justiz, Medien und Öffentlichkeit. Die Geschichte vom armen Waisenmädchen, das sein Gedächtnis verliert, quer durch Europa flieht und eigentlich eine Prinzessin ist, fand Eingang in die Populärkultur und inspirierte Musicals, Bücher und Filme.
Basierend auf dokumentarischem Material findet das Faszinosum um die ikonisch gewordene Geschichte der angeblichen Anastasia ihren Weg auf die Bühne. In surrealen Collagen kommen Zeugen, Wegbegleiter*innen, Freund*innen und Feind*innen der vermeintlichen Großfürstin zu Wort.

Eine Koproduktion mit dem monsun.theater. Gefördert durch die Claussen-Simon-Stiftung.

 

Foto
G2 Baraniak

Spiel
Lisa Ursula Tschanz

Video & Live Visuals
Mara Wild

Text & Recherche
Anne Rietschel

Kostüm
Louise Tresvaux du Fraval

Bühne & Licht
Kathrine Altaparmakov

Musik
Nis-Momme Koepp

Grafik
Kevin Visdeloup

Figuren & Regie
Cora Sachs

Donnerstag
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09.01.2020
|
20:00 Uhr
 
Uraufführung  
Freitag
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10.01.2020
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20:00 Uhr
 
   
Samstag
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11.01.2020
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20:00 Uhr
 
   
Donnerstag
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13.02.2020
|
20:00 Uhr
 
   
Freitag
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14.02.2020
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20:00 Uhr
 
   
       
       
VVK 15,90 € І 13,40 € · AK 16,50 € І 14,00 €
       
     

Pressestimmen:

Hamburger Abendblatt, Annette Stiekele, 10.01.2019

Getanzte Verschwörungstheorie: Zarentochter in Ottensen

Hamburger Regisseurin macht am Monsun Theater ein sehenswertes Stück aus der legendären russischen Geschichte.

Hamburg.  Die Geschichte der angeblich letzten überlebenden Großfürstin Anastasia Romanowa fasziniert bis heute. Längst ist erwiesen, dass die jüngste Zarentochter wie ihre gesamte Familie 1918 durch die Bolschewiken in Jekaterinburg hingerichtet wurde. Weil jedoch zunächst Gebeine fehlten, fanden zahlreiche Prätendentinnen Glauben. Sie gingen ein in Pop-Mythen und Hollywood-Streifen. Die bekannteste von ihnen war Anna Anderson, die 1920 verwirrt aus dem Berliner Landwehr-Kanal gezogen wurde.
Die Hamburger Regisseurin Cora Sachs macht daraus in „Anastasia, wann bekommst du deine Juwelen zurück?“ im Monsun Theater eine sehenswerte Stunde zwischen Geschichtslektion, Erinnerungsstück und Identitätssuche. Wie in einem Baumarkt könne man sich das eigene Ich zusammenbasteln – und das immer wieder neu, heißt es da. Von Anfang an ist zwar nicht ganz klar, warum das Ganze erzählt wird, packend dargeboten ist die aufwändige Produktion aber allemal. Mit Video-Wand und viel sorgsam montiertem Dokumentarmaterial.
Phänomenale Leistung der Darstellerin Lisa Ursula Tschanz
Das Gelingen aber liegt vor allem an der phänomenalen Darstellerin Lisa Ursula Tschanz, die mit eindrucksvoller Präsenz dieses Solo über 80 Minuten meistert. Im weißen Rüschenkleid mit gelben Strümpfen steht sie da mit einer Mischung aus Trotz, Ironie, Wahrhaftigkeit. Tschanz grimassiert, kokettiert, fabuliert. Mal ist sie skeptische Pflegekraft in der Psychiatrie, mal die vermeintliche Adelige. Dabei rafft sie die gigantische Bettdecke, die das Bühnenbild bildet, wie eine Schleppe um sich oder legt sie als Kanal-Wasser aus. Wahrhaft eine Entdeckung.

Der Abend schlüsselt auf, wie Anna Anderson irgendwann als die polnische Fabrikarbeiterin Franziska Schanzkowski entlarvt wird. Doch die Mythen von Wiederauferstehung und Verschwörung halten sich weiterhin hartnäckig. An diesem Punkt hätte der Abend noch weiter in die Tiefe gehen, die Mechanismen von Projektion hinterfragen können.


Hamburg Theater, Birgit Schmalmack, 14.01.2020

Halb Zarentochter, halb Skelett 

Die Erinnerung ist wie ein Baumarkt, aus dessen Regalen sich jeder die Zutaten für seine Vergangenheit nehmen kann. Das Gedächtnis liefert keineswegs ein Abbild der Wirklichkeit sondern ist ein subjektiver Gestaltungsprozess jedes Einzelnen. Doch darf man sich eine völlig fremde Identität zu eigen machen? 
Anna Anderson ging in ihrem Gestaltungsprojekt sehr weit. In einer einsamen Nacht war sie in den Berliner Landwehrkanal gesprungen. Nach der 4000 km langen Flucht von Jekaterinburg nach Berlin war die Aufnahme in das dunkel schimmernde, sanft wogende Nass zu verlockend gewesen. Lebt sie noch oder ist sie schon im Reich der Toten? Im weißen Prinzessinnenkleid zu gelben Kniestümpfen und ebensolchen Turnschuhen steht A. vor den ZuschauerInnen. Von vorne ist sie eine junge Frau mit langen dunkeln Haaren und dunklen Augenringen, von hinten blicken einen die leeren Augen eines Totenschädels an. Hinter ihr eine riesige Bettdecke. Unter ihr verkroch sich Anna, als sie nach ihrem Selbstmordversuch in die Irrenanstalt eingeliefert wurde. Auf sie werden nun ihre eigenen Fantasien und die ihren Zeitgenossen projiziert. Um die Zarentochter Anastasia, die 1917 nach der Oktoberrevolution mit ihrer Familie ermordet worden sein soll, ranken sich immer neue Gerüchte. Anna Anderson gab ihr Nahrung, als sie behauptete in Wirklichkeit Anastasia zu sein. 
Viel Stoff für die Regisseurin Cora Sachs und ihre Dramaturgin Anne Rietschel. Zusammen mit ihrem Team finden sie eine zugleich reduzierte und dennoch verspielte Form für ihre Spurensuche. Mit nur einer Schauspielerin, die sowohl die vermeintliche Anastasia wie alle Zeugen des Falls spielt, und nur einem Requisit, der Riesenbettdecke, die sowohl zu Bett, Sofa, Mantel, Rock, Zelt, Hügel wie zu einem wogenden Wellengebirge werden kann, gestalten sie die Recherche. Die Decke eignet sich zugleich perfekt für die Projektionsfläche des zahlreichen DokuMaterials, das sich zu diesem Fall Anastasia finden lässt. So ist A. Ermittlerin in eigener Sache. Wie eine Zauberfee lässt sie mit einem Fingerschnipsen die Beweisfotos auf der weißen Leinwand erscheinen und verschwinden. Sicht- und hörbar sind einige der angeblichen Beweisvideos verfremdet. Die vermeintlichen Zeuginnen haben riesige Kulleraugen oder große Schmollmünder. Doch zum Schluss schwindet die Kraft von A.s Zauberfinger. Während sie noch versucht mit einer Fülle an weiteren Fakten mehr Licht ins Dunkel zu bringen, drängen sich die Bilder und die Musik des Century-Fox-Musicals "Anastasia" immer mehr in den Vordergrund. So dreht sich A. zum Schluss selbst wie eine aufgedrehte Spielpuppe im Kreis und sinkt schließlich ermattet zu Füßen ihres gezeichneten Alter Egos auf den Boden. Gegen die Fantasie eines Hollywoodimperiums ist selbst sie machtlos.
Cora Sachs macht in ihrer jüngsten Arbeit deutlich, dass das Leben oft die besten Stoffe liefert. Mit ihrer biographischen Recherchearbeit gibt sie den zahlreich sprudelnden Gerüchte um die Zarentochter einen Rahmen, der über die persönliche Geschichte hinausweist. Dank ihrer äußerst wandlungsfähigen und verschmitzten Darstellerin Lisa Ursula Tschanz wurde diese Spurensuche zu einem unterhaltsamen und erkenntnisreichen Vergnügen.


Fidena.de, Falk Schreiber, 22.01.2020

Monsun Theater Hamburg: „Anastasia, wann bekommst du deine Juwelen zurück?“

Cora Sachs erzählt die Geschichte einer Hochstaplerin als Gewissheiten verwirrenden Grenzgang zwischen Performance und Objekttheater.

Eine irre Geschichte. Anfang der 1920er tauchte eine verwirrte Frau in Berlin auf, die sich als Großfürstin Anastasia Romanowa ausgab, jüngste Tochter der 1918 im Zuge der russischen Revolution ermordeten Zarenfamilie Romanow. Ziemlich schnell gab es Zweifel an ihren Angaben, zumal die Frau kein Russisch sprach und augenscheinlich nicht mit den Besonderheiten des orthodoxen Glaubens vertraut war. Gleichzeitig entwickelte sie sich aber auch zum Idol von zarentreuen Monarchisten, und nicht zuletzt ging es auch um viel Geld – das Auftauchen einer echten Romanow-Nachfahrin hätte Einfluss auf das eingefrorene Zarenvermögen gehabt. Erst nach ihrem Tod 1984 konnte zweifelsfrei festgestellt werden, dass die Frau nicht Anastasia war, sondern wahrscheinlich die 1896 geborene Franziska Schanzkowski, dennoch wurde ihr Schicksal bis heute immer wieder thematisiert, in der Literatur, im Film, im Theater.
Cora Sachs geht im Hamburger Monsun Theater von vornherein davon aus, dass man es hier mit einer Hochstaplerin zu tun hat – sie interessiert weniger die Frage nach Wahrheit und Lüge als der Gedanke, dass Erinnerung eine unzuverlässige Kategorie ist, um Geschichte zu verifizieren. Und tatsächlich ist bis heute nicht geklärt, ob Schanzkowski die Öffentlichkeit bewusst getäuscht hat oder ob sie aufgrund einer Psychose selbst davon überzeugt war, Anastasia zu sein, zumal ihr Umfeld sie anscheinend dazu gedrängt hatte, die einmal angenommene Rolle immer weiter zu spielen. Eine interessante Parallele zum Theater tut sich hier auf, zum Spiel mit der Wahrheit, zum Als-ob, zur Performance.
Sachs, die in Hamburg aktuell wahrscheinlich kreativste Vertreterin des Masken- und Puppentheaters, hat ihre eigentliche Profession für „Anastasia, wann bekommst du deine Juwelen zurück?“ auf den ersten Blick massiv zurückgefahren: Der Abend wirkt konzentriert auf Darstellerin Lisa Ursula Tschanz, die die Geschichte meist aus der Sicht Schanzkowskis erzählt. Wie vieles an dieser Inszenierung ist es aber auch ein Trugschluss, hier eine Soloperformance mit Schwerpunkt auf dem Schauspiel zu sehen. Ja, die aufwendigen, larvenhaften Masken, die Sachs’ Theater in Stücken wie „Herr Eisatnaf“ oder dem thematisch mit „Anastasia“ verwandten „Wahnsinn aus Heimweh“ prägten, sind verschwunden, einzig ein angedeuteter Totenschädel auf Tschanz’ Hinterkopf ist noch eine Reminiszenz ans Maskentheater. Dafür tritt das Spiel mit der Bühne in den Vordergrund, ein riesiges Steppdeckenobjekt (Bühne: Katharine Altaparmakov) ist mal Leinwand, mal Kleid, mal theatrale Skulptur, an der sich Tschanz mit exzessivem Körpereinsatz abarbeitet. Und weil die Schauspielerin zumindest so tut, als ob sie den Lichteinsatz selbst steuern würde, entwickelt sich der Abend hier nach und nach zum Meta-Objekttheater, in der sich die Bühne als Marionette entpuppt, die gespielt werden kann.
„Anastasia“ erweist sich so als kluges, hintergründiges Spiel mit Manipulationen. Schauspielerin Tschanz wird von Regisseurin Sachs instruiert, aber immer wieder ermächtigt sie sich, übernimmt selbst die aktive Rolle, die die Bühne nach ihren Vorstellungen dirigiert – ganz ähnlich wie die historische Figur Schanzkowski, bei der ebenfalls nie ganz klar war, ob sie die Öffentlichkeit über ihre wahre Identität täuschte oder ob sie im Gegenteil von der Öffentlichkeit in ein biografisches Lügengebäude gedrängt wurde. Unterstützend wirken Videos (Mara Wild), in denen Weggefährtinnen die Geschichte mal beglaubigen, mal hinterfragen: Zeuginnen, deren Gesichter grotesk verzerrt sind, riesige Augen, breite Mäuler, übergroße Wangen. Will man denen glauben? Will man überhaupt etwas glauben?
Vielleicht ist „Anastasia, wann bekommst du deine Juwelen zurück?“ tatsächlich eine Abwendung Sachs’ vom Puppentheater, vielleicht sieht man hier eine Bewegung in Richtung eines traditionelleren Sprechtheaters. Vielleicht aber geht der gut einstündige Abend auch einen Schritt weiter, hin zu einer Auflösung der Genres, zwischen Performance und Objekttheater. Auf jeden Fall ist er ein Theater, in dem Gewissheiten nichts mehr zählen, nicht die Gewissheiten klarer Gattungsgrenzen, nicht die Gewissheiten einer Hierarchie zwischen den einzelnen Theaterprofessionen. Und ganz sicher nicht die Gewissheiten von Geschichte, die sich auf Erinnerungen beruft.